Verreisen und fair Reisen

Liebe Leute aus der Melanchthongemeinde,

ich verreise gern. An vielen Orten bin ich schon gewesen, habe aber noch lange nicht genug vom Verreisen.

Andere Länder mit mir fremden Sprachen, mehr Sonne und mehr Meer als in Hannover und anderes Essen.

Ich liebe an Italien dickere Melonen, süßere Pfir­siche und besseren Espresso, ich liebe an Schweden, wo wir in diesem Jahr waren, die klare Luft, die unberührten Seen und den geräucherten Lachs in Pfeffer­-Zitronen-Soße.

Vielleicht ist auch alles etwas leckerer und schöner, weil ich im Urlaub meine Urlaubs­brille aufhabe, durch die ich diese eigentlich fremde Welt ansehe. Diese Ahnung schiebe ich im Urlaub oft erfolgreich beiseite. Neu­lich bekam ich allerdings eine Mail mit die­sem Cartoon und ich gestehe: Ich fühlte mich ertappt.

Laut der internationalen Welttourismus­-Or­ganisation (UNWTO) reisen jährlich 1,2 Mrd. Menschen um die Welt. Und es werden jedes Jahr mehr. Das ist problematisch, denn schon jetzt ist die Situation an vielen paradiesi­schen Orten der Welt nicht mehr ganz so pa­radiesisch.

Die Massen an Touristen verbrauchen viele Ressourcen, wie Wasser und Energie. Beson­ders der Flugverkehr trägt zu hohen CO2­ Emissionen bei, die den Klimawandel be­schleunigen. Darüber hinaus produziert die Tourismusbranche viel Müll, vor allem Plastik in Form von Flaschen, Tüten, Trinkbechern und Verpackungen. Es ist der Tourismus selbst, der zu einer Entwertung der Traum­reiseziele führt:

Was nützt mir der schöne Sandstrand in Itali­en, wenn ich dann im Plastikmüll schwim­men muss?

Zwar ist die Tourismusbranche für viele Länder ein wichtiger Beitrag für die Wirtschaft eines Landes. Allerdings zahlen die Natur, das Klima und die Bevölkerung in den Reiseländern als erste den Preis für den Massentourismus.

Wenn zum Beispiel eine Bauernfamilie von ihrem Land vertrieben wird, weil dort ein großes Hotel gebaut wird, dann ist das für das Bruttosozialpro­dukt zwar „gut“, aber nur auf dem Papier. Denn wenn die Mitglieder der vertriebenen Bauernfamilie, dann in genau diesem Hotel als schlecht bezahlte Arbeitskräfte mit zu langen Arbeitszeiten arbeiten müssen, ist das keine gute Entwicklung für die lokale Bevölkerung.

Es sind leider nicht in erster Linie die bereis­ten Länder, die am Tourismus in ihrem Land verdienen. Mehr als die Hälfte des Geldes, das im Tourismus umgesetzt wird, fließt zu­rück in die Herkunftsländer der Touristen: Vom Reiseveranstalter über Hotelketten und Fluggesellschaften bis hin zu meiner Lieb­lingsbiersorte, die ich ja auch im Urlaub am liebsten trinke; viele verdienen an meinem Urlaub, das bereiste Land hat am wenigsten davon. Und oft genug leiden neben den Menschen noch Natur und Klima unter den Massen an Touristen.

Was also tun?
Gar nicht mehr verreisen?

Nein. Vielmehr geht es um die Frage, wie der Tourismus gestaltet werden kann, damit er nicht schadet, sondern nützt. „Fair­-Reisen“ ist die Antwort. Fairer Tourismus bedeutet, dass wir als Touristen auf die ökologische Verträglichkeit unserer Urlaubsreisen achten und auch darauf, der lokalen Bevölkerung im Zielland aufgeschlossen, respektvoll zu begegnen.

Ein fairer Tourismus dient den Reisenden und den Menschen im bereisten Land gleichermaßen. Dazu kann jede und je­ der von uns im Urlaub etwas beitragen. Zum Beispiel, indem man Hotels wählt, deren Wasserverbrauch an die Klimabedingungen vor Ort angepasst ist. Hotelkomplexe mit großen Rasenflächen, die permanent bewäs­ sert werden müssen, erhöhen den Wasser­verbrauch enorm. Auch das mehrmalige Ver­wenden von Handtüchern und Bettwäsche sowie der Verzicht auf die Klimaanlage im Hotelzimmer helfen Wasser und Energie zu sparen.

Es ist sicher, dass ich im nächsten Jahr wieder verreise; ich weiß noch nicht, wohin es geht; aber ich will FAIR REISEN.

Ich wünsche allen, die verreisen, einen guten Urlaub, allen, die aus dem Urlaub zurück sind, dass die Erholung lange anhält, und uns allen wünsche ich eine fairen Blick auf Menschen und Natur, wenn wir in anderen Ländern sind.

Pastor Axel Kawalla

Weitere Tipps und Informationen zum The­ma „FAIR REISEN“ gibt es hier: http://fair­reisen.brot­fuer­die­welt.de

Posted in Editorial, Melanchthonzeitung