Editorial: Die Passionsgeschichte erzählt vom Mensch­ sein.

Das Bronzerelief
von Siegfried Zimmermann an der zweiten Eingangstür der Melanchthonkirche

Die Passionsgeschichte erzählt vom Mensch­ sein. Der Hahn ist der Gewinner in der Szene. Stolzgeschwellte Brust, Kopf erhoben, hoch über allen anderen steht er da. Thront fast. Er hat alles richtig gemacht. Er hat gekräht. Wie immer. Für ihn ist es gut gelaufen. Tut man, was man immer tut, macht man selten was falsch.

Im Vordergrund schämt sich einer. Petrus hat getan, was er nicht für möglich hielt: Er hat den verraten, den er am meisten liebt. Für den er alles aufgeben wollte. Selten sind sich die Evangelien so einig wie bei der Beschrei­ bung dieser Szene. Bei Matthäus steht: „Da erinnerte sich Petrus an das, was Jesus ge­sagt hatte: »Noch bevor der Hahn kräht, wirst du dreimal abstreiten, mich zu ken­nen.« Und er lief hinaus und weinte heftig. Vielleicht sind sich die Evangelien so einig, weil es so menschlich ist. Petrus weiß genau, was richtig ist.

Er will das eine und tut das andere. In dem Moment, in dem er es merkt, ist es schon zu spät. Und dann? Die Schultern hängen, der Körper wird schwer, ungläubig schüttelt er den Kopf. Wie konnte das passieren? Und wem ist es noch nicht passiert? Und dann auch noch die anderen im Hintergrund, die mit Fingern zeigen statt zu trösten. Die zu­sammen sind und über den reden, der allei­ne ist. Aber wem ist das noch nicht passiert?

Die Passionsgeschichte erzählt vom Mensch­ sein. Von den Teilen, die wir lieber ver­ schweigen, alleine mit uns ausmachen, ver­stecken. In der Passionszeit dürfen diese Geschichten raus ins Helle. Nur dann können wir die Erfahrung machen, dass die Liebe bleibt. Von denen um uns herum und von Gott. Damit sich der Kopf wieder hebt und der Hahn vom Sockel kommt.

CLAUDIA MAIER

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