Betrachtung

Detail der renovierten Kirchentür

Drei Jahre lang keine einzige Frucht von die­sem Baum? Da kann das Urteil nur heißen: Fällen!

Aber dann wäre ja alles Mühen des Baum­pflegers umsonst gewesen. Er möchte jetzt nicht den zugrunde gehen sehen, dem er sich immer wieder aufmerksam und hilfreich zugewendet hat. Wir empfinden das mit, machen wir uns doch – leider allzu begründete! ­ Sorgen um den Bestand der Bäume auf unserem Erdball.

Der Baum erscheint uns in diesem Bild als ei­ne Gestalt mit menschlichen Zügen; Arme und Knie lassen fast mehr an einen Menschen als an einen Baum denken. Dem baumpflegenden Weingärtner ist also der Baum brüderlich nahe.

Und einen in höchste Not geratenen Bruder im Stich zu lassen – das kommt nicht in Fra­ge. Bei solcher herzlichen Verbundenheit ist‘s gar nicht so wichtig, ob dieser selbst an seiner Fruchtlosigkeit schuld ist oder nicht. Ihn bewegt einzig und allein die Frage: Was kann i c h tun, damit er wieder ein heiles, ein fruchtbringendes Dasein führen kann?

Da scheut er keine Unbequemlichkeit, er beugt seinen Kopf tiefer als er seinen Rücken hält, die angestrengten Muskeln im Nacken glaubt man nach etwas längerem Hinsehen selbst zu spüren. Aber er will‘s nicht dran fehlen lassen, dass um den Baum herum weiterhin „gegraben und gedüngt“ wird.

Uns selbst haben wir in diesem Bilde zu­ nächst wiedergefunden in der Gestalt des aufmerksamen und hilfreichen Weingärt­ners. Als Helfer tätig zu werden liegt uns mehr als eine Lebenslage aushalten zu müs­sen, in der wir auf Hilfe anderer besonders angewiesen sind – hat das unsere Blicke so schnell auf den Weingärtner gezogen?

Doch auch der Baum steht in dem Bild für uns. Festgewurzelt steht er auf seinem Platz, den er nicht wechseln kann. Das gibt es bei uns auch: Wir sind in einem ganz bestimm­ten Alter, wir können nicht noch einmal ein paar Jahrzehnte jünger sein, wir sind aufge­wachsen in einer ganz charakteristischen fa­miliären Umgebung, sind von einer ganz be­ stimmten Lebensgeschichte geprägt. Ob jemand als Einzelkind groß geworden ist oder in mehrköpfiger Geschwisterrunde – es hat sein Wesen geformt.

Seinen Platz anneh­men können – darauf kommt es für uns an.
Und dazu sollte uns die Einsicht helfen, dass wir ja in allen Lebensabschnitten auf mit­ menschliche Hilfe angewiesen sind. Haben wir doch (zumeist) unsere Wohnstätte nicht selbst erbaut, unser Fahrrad nicht selbst zu­sammengeschraubt, könnten wir unsere Le­bensmittel doch nicht auf eigenem Grund­ stück herstellen. Auch wir leben davon, dass um uns herum gewissermaßen „gegraben und gedüngt wird“ – das sollte uns täglich neu dankbar stimmen.

HANS­-LUDOLF PARISIUS
MELANCHTHON­PASTOR 1973-­1991

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