Segen

Die kleinen Dinge zählen. So sagte es Jesus. Wenn ich an Segen denke, dann sage ich mir das immer wieder. Diese kleine Geste, das kleine Wort – das zählt. Nicht, weil daraus etwas Großes wird, sondern weil es wird. Aus dem kleinen Senfkorn wird ja kein großes Senfkorn, sondern es wird ein Baum. Alles wird. Wir alle werden. So ist es mit dem Segen, denke ich. Er hilft uns zu wachsen im Sinne von Werden.

Viele kennen diesen Satz: „Aus dir ist ja auch was geworden!“ Gemeint ist, dass die Person etwas im Leben erreicht hat, also erfolgreich war. In dem Satz steckt auch die Vorstellung, dass dieser Vorgang irgendwann abgeschlos­sen sei.

Im Glaubenszusammenhang meint Werden etwas anderes. Ein Werden, das unabhängig von dem ist, was ich leiste. Werden als ein offener Prozess der Veränderung. Segen för­dert und stärkt diesen Prozess. Segen feiert ein Werden, das außerhalb jeder Be-­ und Verwertung stattfindet.

Segen ist Öffnung hin zu dem, was möglich ist in der Liebe, im Leben und darüber hin­aus.
Wir segnen Kinder, wenn sie in die Schule kommen, Paare, die heiraten, Trauernde, die sich verabschieden müssen, Reisende, Men­schen in vielen Lebenssituationen. Und an jedem Sonntag im Gottesdienst sprechen wir einen Segen.

Die kleinen Dinge zählen. So sagte es Jesus. Und er verschenkte lauter kleine Gesten. Dem Blinden rieb er ein bisschen Speichel auf die Augen. Er pries die Frau, die ein paar ihrer Tränen auf seine Füße weinte und ein wenig Öl auf seinem Kopf vergoss. Er teilte ein paar Brote und wenige Fische. Eine kurze Begegnung, eine flüchtige Berüh­rung, ein paar kleine Worte. Er tat das auf dem Weg, beim Essen, im Tempel, im Haus, auf dem See – wo er eben gerade war.

Im Urlaub versuche ich, mehr auf die kleinen Dinge zu achten und darauf, was bei mir und um mich herum gerade alles im Werden ist. Darauf freue ich mich und wünsche Ih­nen und euch eine gesegnete Urlaubszeit!

CLAUDIA MAIER

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